Berühmte Harzreisende

Thomas 09 - GoethewegFast tausend Jahre lang wurde der Harz nüchtern als Industrierevier betrachtet – bis Goethe das Gebirge mit Dichteraugen durchstreifte. Im Dezember 1777 war ihm zusammen mit dem Förster von Torfhaus eine alpinistische Erstleistung gelungen: Die erste Winterbesteigung des Brocken (nachgewiesene Erstbesteigung im Sommer 1572; Erstbesteigung durch Schnee Frühjahr 1753). Das hymnische Gedicht »Harzreise im Winter« reflektiert existentielle Fragen vor der Kulisse der frosterstarrten Natur. Damals sei er zum Naturwissenschaftler geworden, bekannte Goethe später, der zu anderer Jahreszeit noch zweimal auf den sagenumwölkten Gipfel zurückkehrte. Die Walpurgisnacht im »Faust« hat ausdrücklich das Brockengebiet als Handlungsort, die Szenenanweisung enthält sogar zwei genaue Ortsangaben: »Harzgebirg. Gegend von Schierke und Elend«, und, die Mutterhexe fliegt »übern Ilsestein« zum Hexentanzplatz auf, während Faust und Mephisto durchs schaurig-wilde Felsenlabyrinth ansteigen.

Die bizarren Klüfte und das Dunkel der geheimnisvollen bergmännischen Unterwelt zogen ganz natürlich die romantisch gestimmten Geister der Zeit an. Der im Harzvorland geborene Bergbauingenieur Novalis etwa besang als 16-Jähriger das »Muttergebürg, welchem die andre Schar Wie der Eiche das Laub entsproßt« (»Der Harz«, 1788).

Gütig lässest du zu, daß dir ein Eingeweid
Mit der emsigen Hand durchwühlt
Nach verderbendem Gold und nach dem Silbererz
Unersättlicher Menschendurst.

Nachdem 1800 das Gasthaus auf dem Brocken eröffnet worden war, bildete sich unter Hallenser Studenten der Brauch, wenigstens einmal während des Studiums dort zu kneipen. Im September 1805 war der junge Eichendorff mit von der Partie und schrieb darüber: »Betäubt von dem zauberischen Märchen unserer Umgebungen erreichten wir endlich gegen Abend das große, neue Brockenhaus.« Später trat er hinaus in die Nacht und »genoss das Fürchterlich-Schöne einige Minuten, die mir ewig unvergesslich bleiben werden. Staunend und nicht ohne inneres Leben fühlte ich in diesem Augenblick die Abgeschiedenheit von aller Welt, die furchtbare Nähe des Himmels, und erst jetzt verstand ichs, warum gerade hier auf dem Blocksberg die Hexen tanzen sollen.«

Im Sommer 1811 durchwanderte Caspar David Friedrich den Harz und hielt dabei auf dem Zeichenblock auch den Trudenstein über Drei Annen Hohne fest (Tour 19), der dreizehn Jahre später (1824) den Mittelgrund seines berühmten Gemäldes »Der Watzmann« einnehmen sollte.

Werner 23 - Heinedenkmal BrockengipfelEndlich: Heinrich Heine. Als er auf seiner Harzreise am Sonntag den 19. September 1824 den Brockengipfel erreicht (Tour 18), hat er einen der seltenen Tage mit guter Fernsicht erwischt. Das bestimmte sein Urteil: »Der Brocken ist ein Deutscher« – da er uns »mit deutscher Gründlichkeit« all die Städte und Dörfer des Umkreises vor Augen führe, all die Berge, Wälder und Täler. Freilich lasse das keine großen Empfindungen aufkommen, denn durch den abstrahierenden Blick von so hoher Warte aus scheine es, als betrachte man bloß eine Landkarte: »nirgends wird das Auge durch eigentlich schöne Landschaften erfreut.«

Auch Theodor Fontane setzte dem Harz ein literarisches Denkmal, wo er zwischen 1868 und 1884 eine Reihe Sommerfrischen verbrachte. Diese Aufenthalte schlugen sich in zwei teils vor Ort verfassten Werken nieder, deren Handlung im Harz angesiedelt ist: Die Kriminalnovelle »Ellernklipp« (1881) spielt in der Umgebung von Wernigerode (Tour 20), der erste Teil des Romans »Cécile« (1886) in Thale und dem Bodetal (Touren 29, 30).

Hermann Löns wiederum als Vertreter des 20. Jh. pägte 1909 für Wernigerode das bis heute lockende Label »Die bunte Stadt am Harz«. Er konnte schon bequem mit der 1899 eingeweihten Brockenbahn auf den höchsten Gipfel fahren und war entsetzt über den Schaden, den die Natur zu Beginn des Massentourismus nahm („Mehr Schutz für den Brocken“, 1907).

Schließlich wäre noch Ernst Jünger zu nennen, der sich Ende 1933 aus dem politisch aufgeregten Berlin nach Goslar am Rande des Harzes zurückzog. Hier erlernte er nicht nur das Skilaufen am Steinberg, sondern auch die wissenschaftliche Käferkunde, in der er es später zu einigem Rang bringen sollte. Auf »subtilen Jagden« durchstreifte er unter Anleitung eines alten Schulmeisters das Rammelsberggebiet (Tour 1) oder das Granetal bei Hahnenklee.

aus: Etzel/Schnütgen: Wanderführer Harz (Dumont 2014)

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