18 | BROCKEN

Auf, auf den Brocken!

Von Ilsenburg auf den Paradegipfel  Norddeutschlands

IMG_1121Das ist die Königsetappe jeder Harzwanderreise: Durchs wildromantische Ilsetal steigen wir auf in die höheren Regionen, in denen uns jenseits der Baumgrenze der höchste Gipfel  Norddeutschlands empfängt. Heimwärts geht’s dann über Brockenkinder, Zeterklippen und ein stimmungsvolles Waldgasthaus, bevor wir noch dem berühmten Ilsestein unsere Reverenz erweisen, um schließlich beglückt sagen zu können: Schön wars, wenn auch ein wenig anstrengend…

Anspruch +++
Gehzeit  8.30 Std.
Länge 29 km
KARTE (ohne Route)
Höhenprofil

Höhenprofil T 18 - Brocken

 

Die längste und den größten Höhenunterschied bewältigende Tour dieses Führers (840 Höhenmeter) verläuft nicht immer auf bequemen Spazierwegen. Es gibt längere harztypisch ruppige Passagen, und, der Brockenaufstieg enthält einige veritable Steilstellen.

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unterwegs:

Drüben gehen wir kurz links und dann rechts wieder ins Ilsetal, das unbemerkt abgezweigt war. Gewaltig rauscht sie nun, »die liebliche« Ilse, wie  Heinrich Heine das Flüsschen zärtlich nannte, der ihrem Lauf 1824 beim Abstieg vom Brocken nach Ilsenburg folgte. Daran erinnert das Heine-Denkmal , hinter dem dann bald die Ilsefälle zu schäumen und rauschen beginnen, die der rheinische Barde in der »Harzreise« so anschaulich beschrieb: »Es ist unbeschreibbar, mit welcher Fröhlichkeit, Naivetät und Anmut die Ilse sich hinunterstürzt über die abenteuerlich gebildeten Felsstücke, die sie in ihrem Laufe findet, so daß das Wasser hier wild emporzischt oder schäumend überläuft, dort aus allerlei Steinspalten, wie aus tollen Gießkannen, in reinen Bögen sich ergießt, und unten wieder über die kleinen Steine hintrippelt, wie ein munteres Mädchen.«

Oberhalb der Fälle öffnet sich dann dank gewaltiger Windbruchflächen erstmals der Blick zum Brockengipfel. Wenig später ist die Bremer Hütte erreicht, natürlicher Rastpunkt des Aufstiegs, der nun merklich steiler wird.

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Aufgrund seiner exponierten Lage liegt die Kuppe des Brockens als einziger Gipfel des deutschen Mittelgebirgsraumes oberhalb der natürlichen Baumgrenze. Die großen Gehölze machen daher allmählich einer Art niedriger Bergtundra Platz, Zwergstrauchheide mit kleinwüchsigen Fichten, wie sie Heinrich Heine schön beschrieb: »Je höher man den Berg hinaufsteigt, desto kürzer, zwerghafter werden die Tannen, sie scheinen immer mehr und mehr zusammenzuschrumpfen, bis nur Heidelbeer- und Rotbeersträuche und Bergkräuter übrigbleiben. Da wird es auch schon fühlbar kälter.« In der Tat. Das Klima hier oben entspricht selbst im Sommer einer alpinen Lage in 1.600-2.200 m Höhe, Flora und Fauna ähneln daher denen der Alpen. Hinzu kommt, dass aufgrund des markanten Höhenunterschieds gegenüber dem Umland der Brocken als niederschlagsreichster Punkt im nördlichen Mitteleuropa im Jahresdurchschnitt über 1.800 Liter Niederschläge pro Quadratmeter abbekommt. […]

IMG_1145Man ahnt es ja schon beim Näherkommen angesichts der den Gipfel überwuchernden Zivilisationsschicht: Der Brocken hat heute nichts Mystisches mehr. Goethe würde seinen Augen nicht trauen, wollte er wieder Unterschlupf im heute denkmalgeschützten „Wolkenhäuschen“ suchen (s.u.), das sich als letzter Krümel einer untergegangenen Zeit im Schatten von Brockenhotel und Stasi-Moschee duckt. Und wo sind Hexenbrunnen, Hexenteich, Hexenmoor? Tempi passati! – Und Teufelskanzel und Hexenaltar? Die prominentesten Schmucksteine des Gipfels liegen heute nur noch matt und entzaubert an dem breiten Rundweg, der vom Brockenbahnhof oberhalb der Geleise um den Berg herum führt – von einer Balustrade vor menschlicher Zudringlichkeit geschützt.

Aller Zauber also verflogen? Vielleicht nicht so ganz. Sollten Sie statt strahlendem Sonnenschein einen der über 300 Nebeltage des Jahres auf dem Blocksberg erwischt haben, können Sie sich bei etwas Glück mit dem Brockengespenst trösten! Diese bei dichtem Nebel auftretende Erscheinung hat so manchen der frühen Brockenbezwinger ins Bockshorn gejagt. Sie entsteht, wenn der Schatten des Betrachters gegen eine dichte Wolken- oder Nebelwand geworfen wird, deren Wallen dann das „Gespenst“ in Bewegung setzt. Karl May nahm diese optische Illusion als Vorbild für seinen „Geist des Llano Estacado“.

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Bald ist der Ilsestein erreicht, die prominentesten Klippe der Gegend – wenn nicht des ganzen Harzes: »Ich bin die Prinzessin Ilse, / Und wohne im Ilsenstein; / Kommt mit nach meinem Schlosse, / Wir wollen selig sein.« – Heinrich Heine meinte die Mauerreste einer kleinen Burgstelle des 11. Jahrhunderts. Er war aus dem Talgrund noch einmal auf den 150 m hohen Granitfelsen hinaufgestiegen, auf dessen Spitze schon damals das gusseiserne Gedenkkreuz für die Gefallenen der Befreiungskriege 1813/14 stand, an das er sich beim Blick in die Tiefe in einem Anfall von Schwindel klammerte – falls das nicht geschwindelt war…

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Der Brocken

Niemand weiß so recht, woher unser Berg seinen Namen hat. Vielleicht von den umliegenden, „Bruch“ genannten Mooren oder einfach aufgrund der kolossalen Gestalt. Die resultiert daher, daß der Granitkern lange Zeit durch eine witterungsresistente Hornfels-Kuppe vor Erosion gut geschützt war.

Die erste nachgewiesene Brockenbesteigung unternahm 1572 der Stolberger Arzt Johannes Thal auf der Suche nach seltenen Kräutern. Die erste Winterbesteigung wagte kein geringerer als Goethe im Dezember 1777 zu Pferde (s. S. #), nachdem schon 1753 der Naturforscher Christlob Mylius durch den Schnee auf den Gipfel gestapft war, allerdings gegen Ende April.

Die touristische Erschließung des Brockens begann 1736 mit dem Bau des »Wolkenhäuschens«, das nicht nur den Hirten der gräflichen Pferdeweide Unterschlupf bot, sondern auch den zahlreicher werdenden Bergwanderern. Als im Jahre 1800 das erste Gasthaus gebaut wurde, nahm der Fremdenverkehr einen rasanten Aufschwung. Rund tausend Gäste konnte der Brockenwirt im ersten Jahr schon begrüßen, und 1825 wurden an manchen Tagen schon um die 100 Übernachtungen gezählt. Dem zunehmenden Bedürfnis des städtischen Bürgertums nach „Sommerfrische“ trug 1862 der Bau des ersten Hotels Rechnung, und als die Brockenbahn 1899 den Betrieb aufnahm, wurde der Gipfel endgültig zum Rummelplatz, wie ihn Hermann Löns so schön beschrieb. – Die Moderne hielt auf dem Brocken 1936 mit dem Bau des ersten Fernsehturms der Welt Einzug – in dessen äußerer Hülle sich das heutige Brockenhotel befindet. Es zeugt von dem Aufschwung, den der Berg genommen hat, nachdem er seit dem Mauerbau 1961 für dreißig Jahre ein festungsartig abgeschirmter Horchposten des Warschauer Paktes gewesen war, unerreichbar fürs gemeine Volk. Das Museum im Brockenhaus gibt einen anschaulichen Einblick in diese Zeit.

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