22 | Rübeländer Allerlei

Allerhand im Rauhen Land

Überraschungstour durchs Elbingeröder Kalksteinrevier

IMG_1164Das so genannte »Raue Land« um Elbingerode bietet eine Vielfalt gegensätzlichster Eindrücke: kahle Hochflächen mit weiten Wiesenmatten, tiefe Täler, riesige Kalkgruben nebst hoch aufragenden Halden, lauschige Harzwälder, eine Burgruine auf bizarrer Felsklippe, Tropfsteinhöhlen,  eine Jagdpfalz der Kaiser.

Anspruch     +++
Gehezeit     6 Std.
Länge        24 km

Diese Tour ist für Wandereleven eine klare Herausforderung, die man sich wegen der durchweg guten Wege und geringen Anstiege aber ruhig einmal zutrauen sollte, sofern man schon über eine gewisse Grundkondition verfügt. Es besteht eine Abkürzungsmöglichkeit (19 km; s. Karte und Text)

unterwegs:

Wir beginnen die Wanderung an der Baumannshöhle in Rübeland. Zunächst dürfte eine Besichtigung dieser am längsten touristisch besuchten Tropfsteinhöhle Deutschlands (seit 16. Jh.; Führungen ab 1649) auf dem Programm stehen.

*

Nun sieht man schon die Häuschen der Ferienhaussiedlung Eggeröder Brunnen (1 Std.) am Übergang der Hochfläche zum bewaldeten Klostergrund liegen. – Das urkundlich erstmals 956 erwähnte Egininkisrod wurde 1152 ein Wirtschaftshof des Klosters Michaelstein (s.u.). Seit 1986 brachten Ausgrabungen Brennöfen und bis ins 10. Jahrhundert zurückreichende Begleitscherben zutage, was den Ort als eine der ältesten mittelalterlichen Bergbau- und Hüttensiedlungen des Harzes ausweist. Nach dem Dreißigjährigen Krieg fiel Engerode wüst und wurde 1733 auf einer Flurkarte nur noch als »Engeröder Born« bezeichnet. – Die Ferienhaussiedlung wurde gleich 1946, drei Jahre vor Gründung der DDR, zu Ehren von Heinrich Jasper (in den 1920er Jahren SPD-Ministerpräsident des Freistaates Braunschweig; 1945 im KZ verstorben) in Jasperode umbenannt, was nach der Wende 1990 umgehend rückgängig gemacht wurde.

*

Am Rand des Buchenhochwaldes führt hinter der Infotafel ein Pfad 100 m in den Hochwald, wo ein Holzkreuz und geringe Mauerreste die Stelle der einstigen Jagdpfalz Bodfeld (2.15) markieren. Gut erkennbar ist noch das Halbrund der auf der Tafel genannten Kapellenapsis. Der Königshof hier auf dem Bergsporn diente neben der Verwaltung des aufkeimenden Erzabbaus im mittleren Harz v.a. als feudales Jagdhaus: Mindestens 17 Aufenthalte von Kaisern und Königen lassen sich zwischen 935 und 1068 nachweisen, die hier unweit der Hauptpfalz in Goslar dem Waidwerk frönten. Große Geschichte wurde in Bodfeld geschrieben, als der erst 38-jährige Kaiser Heinrich III. hier unerwartet Anfang Oktober 1056 in Gegenwart des deutschen Papstes Viktor II. starb. Das besondere Vertrauensverhältnis beider wurde am Sterbebett des Herrschers deutlich: Dieser setzte den Papst als Vormund des minderjährigen Thronfolgers Heinrich IV. und zugleich als Reichsverweser ein. Es war der Höhe- und zugleich Endpunkt eines harmonischen Zusammenwirkens von weltlicher und geistlicher Gewalt. Der erwachsene Heinrich IV. geriet in die Wirren des Investiturstreits und mußte 1077 den Bußgang nach Canossa machen.

*

Schon bald bietet ein Rastplatz einen grandiosen Ausblick ins Bodetal, der freilich noch getoppt wird, wenn wir wenige Meter weiter den kurzen Steig hoch zum einstigen Standort der Susenburg (4 Std.) auf von der Bode umflossenem Bergsporn in Angriff nehmen. Der Klippenzug hat dank Quarz-gefüllter Klüfte im verfalteten Schiefer des Mitteldevon (vor rund 390 Mio. Jahren) als Härtling dem Zahn der Zeit widerstanden. Goethe notierte am 7. September 1784 bei seinem Marsch von Elbingerode hier herüber: »Auf der Susenburg steht dieses Gestein (Quarz) auf dem Schiefer«. – Von der wohl um 900 errichteten Burg sind außer ein paar Treppenstufen kaum noch Reste zu sehen. Urkundlich wurde sie nie erwähnt, 1555 wird in einer Inventarliste ein Bergfried genannt. Um 1700 war die Anlage schon wüst. – Tief unter uns liegt eine große Auwiese im Bodetal, wo sich im 16. Jh. sieben Häuser um eine Blechhammerhütte scharten.

.

Der Elbingeröder Komplex

Warum gibt es so viel Kalkgestein in dieser Gegend? Geologen sprechen vom »Elbingeröder Komplex« und meinen damit eine knapp 5 km breite und 18 km lange Zone, in welcher sich vor rund 390 Mio Jahren eine Sonderentwicklung des Mitteldevons abspielte. Bis zu 1000 m mächtige vulkanische Ablagerungen bildeten sich hier im Laufe einer mehrere Millionen Jahre andauernden Eruptionstätigkeit aus. Anschließend entwickelte sich unter subtropischen bis tropischen Bedingungen in den so entstandenen und von einem Urmeer überfluteten Vulkanbauten ein atollartiges Riff mit einem v.a. aus Korallen, Muscheln u.ä. gebildeten Kalkkörper von  bis zu 500 m Mächtigkeit. – Die hohe Reinheit der gebildeten Kalke liegt an der entfernten Lage des Atolls von den anderen Landmassen, da so nur wenige fremde Sedimente eingetragen werden konnten. Vor etwa 60 Mio. Jahren einsetzende tektonische Hebungs- und Abtragungsprozesse sorgten dafür, dass die Riffkalke wieder an die Erdoberfläche gelangten und der Verwitterung ausgesetzt wurden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s