Geologie

Granit – Wollsäcke & Blockmeere

Unvermittelt ragt am Übergang zum Norddeutschen Tiefland der Harz als eine riesige Scholle aus seiner Umgebung. Obgleich dieses vielgestaltige Mittelgebirge zum größten Teil aus sehr alten (300–400 Mio. Jahre) Sedimentgesteinen besteht, wird sich der Harzbesucher am ehesten an den jüngsten Sproß der Harzgesteine erinnern, den Granit Brockenkind(300 Mio. Jahre), denn dieses in der Tiefe entstandene Gestein tritt am spektakulärsten in  Erscheinung. Geheimnisumwittert und manchmal fast Furcht erregend ragen Klippen und Felsburgen aus der Harzer Berglandschaft, wie von Cyklopenhand aus einzelnen Granitblöcken aufgestapelt. Mit ihren gerundeten Ecken und Kanten wirken die oft balligen Formen wie Wollsäcke – daher der Name »Wollsackverwitterung« für den zugrundeliegenden Entstehungsprozess.

Der fand nicht etwa an frischer Luft durch Wind und Wetter statt, sondern unterirdisch! Über Jahrmillionen sickerten von der Erdoberfläche chemisch aggressive Wässer (z.B. Regenwasser mit darin gelösten Huminsäuren) zu der darunter liegenden  massiven Granitmasse durch und drangen in deren Risse und Spalten ein. Dort betrieben sie ihr Zersetzungswerk, das an Ecken und Kanten besonders effektiv angreifen kann. Die Oberflächen begannen, zu feinkörnigem Grus zu zerfallen, das gesamte Gefüge lockerte sich, wurde aber noch von der umgebenden Erd- und Grusschicht zusammengehalten. Und dann kamen die Eiszeiten bzw. deren Rückzug mit gewaltigen Schmelzwassern, welche Oberflächenkrume und Grus fortspülten und die Härtlinge freilegten. Damit bekam der Harz seinen letzten Schliff – und jene Felsgestaltungen traten zu Tage, die uns heute staunen machen.

Unterirdische Verwitterung und anschließende Ausspülung hinterließen freilich nicht nur imposante Felsburgen, sondern auch Trümmer solcher Formationen: Wo der Verbund nicht mehr fest genug war, purzelten die einzelnen »Wollsäcke« auseinander, auf dem Grus nun der Hangabtriebskraft folgend. Einen besonders schönen Einblick in diese Vorgänge bietet die aufgelassene Grube am Rehberger Graben unterhalb des Oderteichs (s. Tour 12). Dort schwimmen in einer lockeren, körnigen Masse (dem Grus) metergroße Granitblöcke, teils einzeln oder noch im Verband. Etwa dezimeterbreite Fugen zwischen den Blöcken werden von dieser Masse ausgefüllt, Verwitterungsmasse, die manchmal mehr als 20 m tief reicht. Ein so tief reichender Angriff der Verwitterung auf das Gestein kann nicht mit dem Eiszeitenklima erklärt werden. Vielmehr wirkt diese Form des Gesteinszersatzes typischerweise in deutlich wärmeren Klimata (Subtropen, heute z.B. im Mittelmeerraum). Demnach muß die Vergrusung vor dem Einsetzen der Eiszeiten vor ca. 2,6 Mio. Jahren stattgefunden haben. Und in der Tat erfolgte die Wollsackverwitterung im Harzgebiet vorwiegend in der Zeit des Tertiär (vor 65-2,6 Mio. Jahren) mit seinem feucht-warmen Klima.

Im folgenden Eiszeitalter wirkte dann der Abtragungsprozess des »Bodenfließens« und schwemmte gewaltige Massen des Gruses fort, so dass die typischen Formen der Granitlandschaft zurückblieben. Die urprünglich im Grus befindlichen Blöcke sammelten sich auf den Hängen und rutschten zu Tal. In Abflussrinnen oder gar Tälern bildeten sich dann regelrechte Blockströme oder Blockmeere in flachen Mulden als Hinterlassenschaft dieses außerordentlich effektiv wirkenden Abtragungsprozesses. Blieb die Verbindung übereinander lagernder Blöcke dagegen von dem Abtragungsprozess unberührt, wuchsen aus der Landschaft allmählich die Klippen und Felsburgen heraus, die den Harz heute zu einer so spektakulären Wanderwelt machen.

Gänzlich anders verlief die Erosion in der Karstlandschaft des Südharzes, wo die geologischen Sensationen nicht aus ihrer Umgebung aufragen, sondern im Erdinneren verborgen liegen. Kohlensäureverwitterung schuf dort nämlich durch chemische Lösungsvorgänge Hohlräume im Dolomit bzw. Gips, deren prominenteste uns auf Tour 9 begegnen: Steinkirche und Einhornhöhle. Letztere (bisher bekannte Gesamtlänge über 600 m) gilt als die typische Höhle für chemische Verwitterung im Dolomit. Dieses körnige Gestein zerfällt typischerweise zu »Dolomitasche«, die einen erheblichen Anteil der bis zu 40 m mächtigen Sedimente darstellt, welche diese Korrosionshöhle zum überwiegenden Teil ausfüllen, so daß der Besucher nie auf dem anstehenden Fels läuft. –

Tour 35 wiederum führt in eine der weltweit wertvollsten Gipskarstlandschaften. Neben Zeugen des  Bergbaus wandern wir im Forstort »Mooskammer« durch ein kleines Gebiet, wo oberflächige Auflösung des Gipses zur Herausbildung von hunderten von Dolinen auf engstem Raum geführt hat. Bei einer anderen Tour wiederum begegnen wir dem „Periodischen See“, der verschwindet, wenn solche Gipsauflösungen das Wasser versickern lässt, und der wieder entsteht, wenn größere Gipsbrocken die Klüfte verstopfen.

Wanderungen im Harz belegen also eindrucksvoll, warum er das geologisch vielfältigste der deutschen Mittelgebirge genannt wird.

aus: Etzel/Schnütgen: Wanderführer Harz (Dumont 2014)

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