Oberharzer Wasserregal

Bergbau, Teiche & Flutgräben

Keine andere deutsche Landschaft ist so intensiv und über einen so langen Zeitraum hinweg vom Bergbau geprägt worden wie der Harz. In kaum einem anderen Gebiet der Erde wurde über 1000 Jahre lang ununtebrochen Erz aus dem Berg geholt, so dass man heute noch mittelalterliche Schürfe und Gruben sowie wasserbauliche Einrichtungen zum Unterhalt der Förderung studieren kann, deren Anfänge über 400 Jahre zurückliegen (»Oberharzer Wasserregal«, s.u.).

Huttaler Widerwaage (Tour 7)

Huttaler Widerwaage von 1769 (Tour 7)

Anhand archäologischer Nachweise lässt sich bergbauliche Tätigkeit im Oberharz bis in die Bronzezeit vor rund 3000 Jahren zurückverfolgen. Urkundlich belegt ist, dass die Suche nach silberhaltigen Erzen vor gut 1000 Jahren bei Goslar begann (s. Tour 1), Auftakt einer rasanten Entwicklung. Anfang des 16. Jh. erließen die Landesherren nach verheißungsvollen Erzfunden im Oberharz sogenannte ›Bergfreiheiten‹, deren Vergünstigungen (z.B. freies Holz zum Bauen und Heizen, freies Viehweiderecht usw.) Bergleute aus anderen Regionen anlocken sollten. Ergebnis war die Gründung der »Sieben Freien Bergstädte« St. Andreasberg, Clausthal, Zellerfeld, Lautenthal, Wildemann, Altenau und (Bad) Grund. Der resultierende Boom verlangte einen entsprechenden Aufschwung der technischen Mittel. Folge war das »Oberharzer Wasserregal« (seit 2010 UNESCO-Weltkulturerbe). Es gilt als das weltweit größte Energiegewinnungs-, Energiespeicherungs- und Energieverteilungssystem der vorindustriellen Zeit (s. Touren 7, 12, 13) und trug wesentlich dazu bei, dass der Harz in der frühen Neuzeit zum größten Montanrevier Deutschlands avancierte.

Regal? Damit ist kein Möbel gemeint, sondern das landesherrliche Privileg, sachlich, örtlich und zeitlich begrenzte Nutzungsrechte zu verleihen (von lat. rex, regis »König, des Königs«). Im Harz wurde zusammen mit der Nutzung bestimmter Bereiche eines Erzganges für den Bergbau zugleich das Recht auf Nutzung der benötigten »Wasserfälle auf Künste [Förderanlagen] und Kehrrad« mitverliehen. Dem Bergbau wurde dabei eine Vorrangstellung eingeräumt, die es z.B. erlaubte, einem Müller einfach »das Wasser abzugraben«. Wurde der Bergbau allerdings an bezeichneter Stelle eingestellt, war die Nutzung des Wassers nicht mehr gestattet. Das Wasserrecht fiel an den Landesherren zurück und konnte erneut vergeben werden.

Das Oberharzer Wasserregal hatte das Ziel, den Bergbau saisonunabhängig zu machen. Zur optimalen Nutzung musste Wasserkraft den Gruben und Verhüttungsbetrieben trockenzeitunabhängig das ganze Jahr über zur Verfügung stehen. Aus diesem Grunde wurde ein System von Teichen, Gräben, Holzrinnen, Stollen und Radstuben zur Energiegewinnung aus Wasser für den Bergbau angelegt, in welchem die reichen Niederschläge des Hochharzes aufgefangen und weitergeleitet wurden. Die Dimension wird daran deutlich, daß der 1721 fertiggestellte Oderteich (Tour 12) bis ins 19. Jh. hinein der größte Stausee Europas war.

All das diente einem einzigen Zweck: Die Energie des auf Antriebsräder aufschlagenden Wassers zu nutzen, um alle möglichen Mechanismen zu betreiben. Obenan stand die Hebung des Grubenwassers, dann der Betrieb von Pochwerken zum Zerkleinern des Erzes sowie von »Fahrkünsten«, Fördereinrichtungen, mit denen das gehauene Erz ans Tageslicht geschafft wurde. In ihrer Blütezeit gehörten die Oberharzer Bergwerke zu den tiefsten der Welt: Um 1700 wurden bereits Schachtteufen von 300 m überschritten, Mitte des 19. Jh. war man bis auf 600 m vorgedrungen.

Von den im Lauf der Jahrhunderte angelegten rund 150 Teichen und 500 km Gräben mit mindestens 18 km hölzerner Wasserrinnen („Gefluder“) und etwa 31 km Stollen („Wasserläufe“) sind heute noch 63 Teiche, 70 km Gräben und 21 km Wasserläufe wasserführend und somit aktiv. Einzelne Anlagen werden sogar noch genutzt und dienen heute der Stromerzeugung, Trinkwasserversorgung oder dem Hochwasserschutz.

Die vielen Teiche erleben wir heute als wesentliche Bestandteile einer anmutigen Erholungslandschaft. Daneben fügt sich eine ganze Anzahl moderner Talsperren als charakteristisches Element ins Landschaftsbild ein. Es gibt im Harz keine natürlichen Seen, wohl aber jede Menge Niederschläge. Diese zu nutzen und zugleich zu zähmen war der Sinn hinter diesen künstlichen Eingriffen. Gerade nach Sommergewittern und bei Wärmeeinbrüchen im Winter kam es immer wieder an den Flüssen des Hoch- und Oberharzes zu katastrophalen Hochwassern, welche die Orte am Harzrand heimsuchten. Neben dem Hochwasserschutz ist die Nutzung der Wasserüberschüsse wegen des gestiegenen Trinkwasserdedarfs in den angrenzenden Ballungsräumen von zentraler Bedeutung: Fast alle Großstädte im Umland, sogar Bremen, erhalten Wasser aus dem Harz.

aus: Etzel/Schnütgen: Wanderführer Harz (Dumont 2014)

 

 

 

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